Der Westen II

In der zweiten Folge erkundet Georg Riha die Alpenländer Tirols und Vorarlbergs mit ihren Gipfeln, Gletschern und Klammen, die noch manch geheimen Winkel zu wahren scheinen, der sich erst in der Vogelperspektive offenbart.

Der Westen II

Hufeisenbruch Pasterze

Kärnten

Mächtig fließt die Pasterze zu Tal. Ewiges Eis, aber vereinzelt schon durchsetzt mit blanken Stellen, an denen der Fels zum Vorschein kommt.
Sie zeigen an, dass der Gletscher des Großglockners nicht mehr genügend Nahrung erhält. Im Hufeisenbruch bekommt seine Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes Risse.
Denn das Eis schiebt sich hier über eine Stufe im Gelände. Sein Gefälle ändert sich dadurch so stark, dass es in Quer- und Längsrichtungen aufreißt.
Der ruhige Fluss des Gletschers wird zerrissen vom Fels. Was für eine phantastische Landschaft – nur noch dem Blick vorbehalten, nicht mehr dem Schritt.

Großglockner Gipfel

Tirol

Steht man auf diesem Gipfel, steht man auf dem höchsten Punkt Österreichs. In 3798 Meter Höhe. Nichts kann das Gipfelglück stören!
Nichts?! Nur vielleicht die hunderten Anderen, die an einem schönen Tag auch hier heraufdrängen.
Oder die fünf Stunden Wegzeit für die letzte Etappe, die sonst zwei Stunden dauert.

Aber dann: Gipfelglück! Wobei – damit ist es ja auch so eine Sache. Sagte nicht Reinhold Messner: „Das Gipfelglück ist nur ein Wunsch der Untengebliebenen.“

Apriach Alm, Mölltal

Kärnten

In den Hohen Tauern – östlich von Heiligenblut am Großglockner – liegt hoch über dem Mölltal eine der schönsten Almen von Österreich: Die Apriach Alm.
Ihre Sennhütten sind umgeben von Lärchenwald. Mensch und Wald bilden hier eine uralte Gemeinschaft.
Die Bäume beschützen den Boden vor dem Wind, ihre Äste werden zum Heizen genutzt, ihre Stämme zum Bauen.
Das Besondere: Die Lärchen stehen nicht dicht beinander – sondern mehr wie in einem Park.
Damit es so bleibt, müssen die Almleute regelmäßig schwenden – Unterholz und Unkraut entfernen – sodass genug Licht einfällt, damit unter den Bäumen Gras wachsen kann.
Weshalb diese Almen auch Lärchweiden heißen.

Dorfertal Schwarzsee

Tirol

In den Hohen Tauern, wo die Berge bis weit über dreitausend Meter ansteigen. Hoch über dem Dorfertal, die Baumgrenze ist längst überschritten, die Vegetation wird karg.
Doch die Natur hält auch hier Überraschungen bereit. Unvermutet blickt der Schwarzsee wie ein Auge dem Betrachter entgegen.
Mit 57 Metern ist er einer der tiefsten Alpenseen und liegt eingebettet im Fels Sein sattes Blau spiegelt das Blau des Himmels.
Oder ist es der Himmel,der ihm einen Tropfen seiner Farbe geschenkt hat?

Lienzer Dolomiten

Tirol

Auf eine Länge von vierzig Kilometern durchziehen die Lienzer Dolomiten Osttirol – vom Kartitscher Sattel bis zum Gailbergsattel bei Oberdrauburg.
Wobei – nimmt man es genau, gehören sie eigentlich noch nicht zu den Dolomiten – sondern sind Teil der Gailtaler Alpen.
Aber das ändert nicht das Geringste an ihrer rauen Schönheit.

Obertilliach

Tirol

Im Tiroler Gailtal – am Abhang der Lienzer Dolomiten – liegt Obertilliach. Manche der hölzernen Gehöfte sind mehr als 300 Jahre alt.
Der Ort selbst ist freilich noch viel älter. Im 11. Jahrhundert wurde er zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Zersiedelung war damals noch unbekannt.
Die meisten Giebel sind nach Süden hin ausgerichtet. Nein, mit Bauordnung hatte das noch längst nichts zu tun. Einfach nur, um möglichst viel Licht und Wärme zu bekommen.

Zell am See

Salzburg

Am westlichen Ufer vom Zellersee – am Fuße der Schmittenhöhe – liegt die Altstadt von Zell am See.
Der Ort erlangte im Mittelalter große Bedeutung, weil er sich an einem wichtigen Handelsweg über den Großglockner befand.
Auf dieser Route wurde Salz in den Süden transportiert und im Gegenzug Wein in den Norden.
Heute lebt Zell am See vom Tourismus – besonders von Gästen aus dem arabischen Raum.
Denn sie lieben das Wasser in all seinen Formen – ob als Wolken und Regen oder exotisch wie Eis und Schnee.

Weide oberhalb Leogang

Salzburg

Auf den Weiden nördlich von Leogang.
Das ist doch, denkst Du dir.
Das kenn ich doch.
Ist das nicht?
Nein.
Immer ist alles anders.
Immer ist alles.
Immer ist.Immer.
Jetzt.

Rofanspitze

Tirol

Vieles im Leben hat zwei Seiten. Aus welcher Richtung man sich ihm nähert, entscheidet, wie es einem erscheint.
Mit der Rofanspitze verhält es sich ebenso. Sie ist einer der Gipfel im Rofangebirge, das östlich vom Achensee liegt.
Kommt man von Süden her, ist sie relativ leicht zu ersteigen – geschwungene Wege auf grasbewachsenen Hängen führen bis hinauf zum Gipfel.
Aber dann gibt es noch die andere Seite – die Nordseite, wo steile Abbrüche und mächtige Felshalden den Charakter des Berges bestimmen.
Hier versteht man auch, warum es „Rofan“ heißt. Der Begriff kommt aus dem Rätoromanischen und bedeutet „Berg mit Mure“.

Stubaier Alpen, Alpeiner Ferner

Tirol

In den Stubaier Alpen. Die Höhe nimmt den Hängen das Grün und der Berg wird zum Fels. Der Alpeiner Ferner.
„Ferner“ sagt man in den Ostalpen zum Gletscher. Fern heißt der Schnee von fern – nämlich dem vergangenen Jahr.
Schnee legt sich auf Schnee  - legt sich auf Schnee  und wird so zum Eis – dem ewigen Eis.
Denn die Zeit hat hier oben einen anderen Gang als im Tal.
Jahrtausende braucht es für die Spuren von Wind und Eis im Fels, doch Minuten für die Schattenmuster der Wolken auf dem Schnee.

Großvenediger

Salzburg

Am Großvenediger.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, verweht der Wind, vergeht die Spur.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, verweht die Spur, vergeht die Zeit.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, verweht die Zeit, vergeht der Mensch.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, verweht der Mensch, vergeht der Wind.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, vergisst der Wind die Spur, versteht der Mensch die Zeit.
Wo Fels und Eis zusammen wachsen, versteht die Spur den Wind, vergisst die Zeit den Mensch.

Schloß Tratzberg

Tirol

Schloß Tratzberg, westlich von Jenbach, macht aus seiner Schönheit ein Geheimnis.
Nach außen wirkt es schlicht – geradezu abweisend – aber in seinem Inneren hütet es Schätze aus der Renaissance.
Einst sicherte es die Grenze zu Bayern und war Jagdschloss von Kaiser Maximilian I.
Im Jahr 1500 wurde es von reichen Minenbesitzern aus Schwaz gekauft, die ihre Freude daran hatten, es wie ein Schmuckkastl auszustatten.
Hundert Jahre später kam es in den Besitz der Kaufmannsfamilie Fugger. Und diese vollendete die prunkvolle Gestaltung von Tratzberg.

Ginsbergbauer, Wilder Kaiser

Tirol

Wälder, Wiesen und ein Bergbauernhof auf einem Hügel – leuchtend im Morgenlicht – manchmal ist Tirol fast zu schön, um wahr zu sein.
Und dann wacht über das Ganze auch noch der Wilde Kaiser – ein rauer, zerklüfteter Gebirgsstock zwischen Kufstein und St. Johann.
Mit einem Wort: Majestätisch.

Stift Fiecht

Tirol

Weit blickt das Benediktinerstift Fiecht über das Inntal. Nach außen hin wirkt die Kirche schlicht – aus Kalkstein gebaut und unverputzt.
Im Inneren entpuppt sie sich als wahres Schmuckkästchen aus dem Spätbarock. Ebenso wie der Georgenberg, etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt.
Denn Stift Fiecht ist das Tal-Kloster dieses berühmten Wallfahrtsortes.

Schwarzwassertal Mündung Lech

Tirol

Eine enge Schlucht ist das Schwarzwassertal. So eng, dass sich die Zweige der Bäume an den Ufern des Schwarzwasserbachs fast berühren.
Für eine Straße ist es zu schmal, nur auf Wanderwegen kann man es durchwandern.
Beharrlich findet der Bach seinen Weg, strebt unbeirrt vorwärts – seinem Ziel entgegen.
Und plötzlich wird das Tal weit, gibt den Blick frei und entlässt den Bach in die Arme vom Lech.

Lechtal Geländestufen

Tirol

Wer glaubt, dass es in der Natur keine rechten Winkel oder ebenen Flächen gibt, gerät im Außerfern ins Staunen.
Dort, wo der Hornbach in den Lech mündet, haben die beiden Flüsse mit dem Gestein, das sie mit sich führen, Stufen geformt.
Und zwar so eben, als hätten sie mit Wasserwaage und Kelle gearbeitet.

Kaunertal Stausee

Tirol

In den Ötztaler Alpen – nahe der Grenze zu Italien liegt das schmale Kaunertal.
In den 1960er Jahren wurde hier eines der größten Speicherkraftwerke Österreichs errichtet, mit einem fast sechs Kilometer langen Speichersee.
Er wird von zahlreichen Bächen gespeist sowie vom Schmelzwasser der umliegenden Gletscher.
Allen voran dem Gepatschferner, weshalb er auch Gepatschspeicher heißt.
Der Staudamm an seiner Nordseite war beim Bau des Kraftwerks der zehnthöchste weltweit.
Und noch heute ist er in Österreich der höchste geschüttete Damm.

Flexenstraße

Vorarlberg

Die Straße vom Oberen Lechtal ins Klostertal führt über den Flexenpass.
Heutzutage ist sie gut ausgebaut, aber jahrhundertelang war sie nur ein Saumpfad, der sich in vielen Kurven zur Passhöhe hinauf gewunden hat.
Flexen ist übrigens nur ein anderes Wort für Kurven. Ein besonders spektakulärer Abschnitt ist die Flexengalerie.
Vor mehr als hundert Jahren wurde sie errichtet, um die Reisenden vor Lawinen und Steinschlag zu schützen.
22 Galerien und Tunnel sowie drei Brücken liegen eng am und im Berg – und das auf einer Länge von fast zwei Kilometern.

Ochsentaler Gletscher

Vorarlberg

Am Fuße des Piz Buin liegt der Ochsenthaler Gletscher.
Sein Schmelzwasser fließt in den Silvretta-Stausee, der in die Hänge des Montafon eingebettet ist wie ein kleiner türkiser Edelstein.
Ein Gletscher ist lebendige Masse – auch wenn es nicht so wirkt. Klima, Untergrund, Hangneigung und viele andere Faktoren halten ihn in Bewegung.
Es bilden sich Formationen, die so speziell sind wie die Bezeichnungen, die ihnen die Geologen geben.
Der Bergschrund etwa – die oberste Gletscherspalte an der Grenze vom festgefrorenen zum beweglichen Eis.

Schesaplana

Vorarlberg

Ihr Name könnte nicht unpassender sein: Schesaplana. Auf rätoromanisch bedeutet das so viel wie: Flacher Felsblock.
Dabei ragt die Schesaplana fast dreitausend Meter hoch auf und ist der höchste Berg im Rätikon.
Über ihren Gipfel verläuft die Grenze zur Schweiz, und von heroben sieht man weit in den Kanton Graubünden und nach Vorarlberg hinein.
Der Erste, der sie bestieg, war vermutlich Nicolin Sererhard, der Pfarrer von Prättigau.
Um 1730 überschritt er die Schesaplana mit zwei Begleitern und schrieb einen Bericht darüber.
Heute zieht es jährlich tausende Wanderer auf ihren Gipfel, denn der Aufstieg ist um vieles leichter geworden.
Bis zum Lünersee auf ihrer Ostseite fährt eine Seilbahn, und von dort aus sind es dann „nur“ noch tausend Höhenmeter.

Hoher Freschen

Vorarlberg

Im westlichen Teil des Bregenzer Waldes – nördlich vom Großen Walsertal – liegt der Hohe Freschen.
Das Gras an seinen Hängen macht seine Gestalt weicher – versteckt die Schroffheit des Steins und ist doch nur dünne Schicht auf mächtigem Fels.
Es geht immer ums Leben, immer ums Überleben. So auch für Mensch und Tier hier heroben.
Der Name Freschen soll sich von „fressen“ herleiten – denn auf der Westseite des Berges liegen große Almen und Weiden.

Bregenz, Gebhardsberg

Vorarlberg

Nähert man sich Bregenz von Südosten, kommt man über die Fluh, eine natürliche Terrasse, die abrupt zur Bregenzer Ache hin abfällt.
Wenig später erreicht man den Gebhardsberg. Eins stand hier einst die Burg Hohenbregenz, wo der Heilige Gebhard geboren wurde.
Ein besonders düsteres Kapitel der Stadtgeschichte wurde im 30jährigen Krieg geschrieben, als das schwedische Heer hier zwei Monate lang hauste und plünderte.
Bei seinem Abzug sprengte es auch noch die Burg Hohenbregenz. An ihrer Stelle steht heute eine Wallfahrtskirche. Und der Gebhardsberg ist ein beliebtes Ausflugsziel.

Abtei Mehrerau

Vorarlberg

Vor rund tausend Jahren wurde die Benediktinerabtei Mehrerau in Bregenz errichtet, 1806 aufgelassen und 1854 von Zisterziensermönchen
übernommen – aus dem Kloster Wettingen im Kanton Aargau. Ihr vollständiger Name lautet deshalb: Konvent von Wettingen-Mehrerau.
Im selben Jahr wie das Konvent wurde eine Schule gegründet: Das Collegium Bernardi – und 1923 auch ein Sanatorium.
Beide bestehen bis heute. Eine besondere Verbindung gibt es zur Schweiz: Die Originalpartitur der Schweizer Nationalhymne wird nämlich hier aufbewahrt.

Klostertal

Wien

Zwischen der Verwallgruppe und dem Lechquellengebirge liegt das Klostertal.
Im Osten grenzt es an den Arlberg, und schon vor hunderten Jahren brachte ein Saumweg Wallfahrer, Kaufleute und Soldaten hierher.
In einem kleinen Klösterlin fanden sie Unterkunft. Von ihm haben der Ort Klösterle und das Tal auch ihre Namen.
Heute ist es die wildromantische Natur, die die Besucher anlockt: Bewaldete Hänge und sanfte Almen, die so manche Überraschung bereithalten.
Was gäbe es nicht alles zu sehen wenn die Wolken nicht wären!?

Bodensee, Rhein

Vorarlberg

Unvorstellbare zwei Millionen Kubikmeter Sand und Kies schiebt der Rhein jährlich von den Alpen in Richtung Bodensee.
Damit der See nicht verlandet,wurde ein sogenannter Vorstreckungskanal angelegt, der das Geschiebe in die Seemitte leitet.
Damit ist das Problem jedoch nicht gelöst, sondern nur verschoben. Denn der See verlandet nun von der Mitte aus.
Allerdings wird es noch eine Weile dauern bis er komplett aufgefüllt ist. Genau gesagt, etwa 19.000 Jahre.